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Food
12.06.2021

«Matchentscheidend für die Erntemenge ist die Blüte»

Schwach entwickelte und unbefruchtete Kirschen, die der Baum abstösst.
Schwach entwickelte und unbefruchtete Kirschen, die der Baum abstösst. Bild: M. Frey
Das Mai-Wetter in diesem Jahr lässt sich kurz zusammenfassen: unterkühlt und nass. Die warmen Frühlingstage mit Sonnenschein lassen sich an einer Hand abzählen. Welche Auswirkungen hatte der Mai auf die Obst- und Rebenkulturen? P&H hat bei Obst- und Weinbau-Experten nachgefragt.

Nach den Frosttagen im April galt es für die Obst- und Weinbauproduzenten, die Eisheiligen um den 14. Mai abzuwarten. Laut SRF Meteo waren diese «frisch, aber nicht frostig».

Lange Ernte bei Äpfeln

«In der Zeit nach den Eisheiligen war es für die Obstkulturen zu kühl», sagt Marco Frey, Werkführer Obst-/Gartenbau des Plantahofs in Landquart, auf Nachfrage von P&H. «Was eine sehr lange Blütezeit mit sich brachte.» Dieses Jahr habe die Blütezeit fast einen Monat gedauert. Im letzten Jahr hätten diese hingegen rund zehn Tage gedauert. Die lange Blütezeit hat laut Frey bei den Äpfeln dazu geführt, dass sie in unterschiedlichen Stadien sind. Aus diesem Grund erwartet der Obstbau-Experte bei den Frühsorten wie zum Beispiel dem Gravensteiner eine lange Ernte mit vielen Erntedurchgängen.

April ausschlaggebend

«Bei der Vegetation hinken unsere Obstkulturen gegenüber dem letzten Jahr gut 14 Tage hinterher», führt der Werkführer Obst- und Gartenbau weiter aus. Auf die Frage, ob es wegen der Feuchtigkeit im Mai zu Problemen mit Fäulnis gekommen ist, antwortet Frey: «Das Wetter war nur leicht feucht. Die Pilz- und Schädlingsprobleme hatten wir dank gezieltem Pflanzenschutz unter Kontrolle.»

Marco Frey ist sich sicher, dass das Mai-Wetter keinen Einfluss auf die diesjährige Ernte hat. «Der April hat uns stark geschädigt», betont er. «Bei den Aprikosen und Pfirsichen beträgt der Schaden bekanntlich 100 Prozent.» Für Zwetschgen, Birnen und frühe Kirschen, die bereits in Vollblüte gestanden seien, wären die Temperaturen zu kalt und die Befruchtung schwach gewesen. Bei den Äpfeln rechnet Marco Frey, Werkführer Obst-/Gartenbau des Plantahofs, mit einer Ernteeinbusse von zehn Prozent, bei den Kirschen mit 40 Prozent, bei den Birnen und Zwetschgen mit 60 Prozent.

Reben im Rückstand

Laut Ueli Liesch, Präsident des Branchenverbandes «Graubünden Wein», ist die Vegetation bei den Reben im Vergleich zum letzten Jahr im Rückstand. «Letztes Jahr um diese Zeit sind die Reben in gewissen Lagen bereits in der Hauptblüte gestanden», erzählt Liesch und schätzt, dass es dieses Jahr Ende Juni wird, bis es so weit ist. «Vor 20 Jahren war es normal, wenn die Reben Mitte bis 20. Juni blühten», erinnert sich der Malanser Weinbauer. «Doch wegen der Klimaerwärmung haben sie in den letzten Jahren früher zu blühen begonnen.»

  • Eine blühende Traube. Bild: M. Frey
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  • Eine stark verrieselte Traube. Bild: M. Frey
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Wachstumsschub

Als einen der Gründe für den Vegetationsrückstand bei den Reben nennt Liesch das kühle Mai-Wetter, weswegen das Wachstum praktisch stillgestanden ist. «Die für das Wachstum nötige Feuchtigkeit haben wir. Wenn der Juni uns jetzt frühsommerlich warme und sonnige Tage schenkt, dann kann dieser Rückstand kompensiert werden», erklärt der Weinbau-Fachmann und sagt: «Dann können wir ganz normal mit den Laubarbeiten, dem Erlesen und Triebzahl-Reduzieren beginnen und darauffolgend die Rebentriebe zwischen die Drähte einschlaufen.» Im letzten Jahr konnten diese Arbeiten fliessend erledigt werden. Für dieses Jahr befürchtet Liesch, dass es, sobald es warm wird, bei den Reben zu einem grossen Wachstumsschub kommen könnte. «Dann kann es passieren, dass wir mit den Arbeiten nachhinken werden und sie allenfalls nicht rechtzeitig erledigen können.»

Abhängig von Temperatur

Bei der Frage, ob er jetzt schon – basierend auf den Auswirkungen des April- und Mai-Wetters – erahnen könne, wie die diesjährige Traubenernte ausfallen wird, winkt Liesch ab. Matchentscheidend für die Erntemenge sei die Blüte, und diese wiederum sei abhängig von Temperatur und Befruchtung. Als Beispiel nennt der Weinbauer das Wetter im letzten Jahr zur Blütezeit: «Das feuchte und kühle Frühlingswetter hat da zu einer schlechten Verblühung und damit zu einer starken Verrieselung der Trauben geführt.» Dies sei dann auch der Hauptgrund für die geringe Erntemenge gewesen, sagt Ueli Liesch, Präsident des Branchenverbandes «Graubünden Wein» und selbst Weinbauer, abschliessend.

ls