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Schiers
09.06.2021
09.06.2021 10:52 Uhr

Giulia Lötscher: «Etwas nervös bin ich nach all den Jahren immer noch ein wenig.»

«Gerade in der Medienbranche braucht es manchmal viel Geduld, um weiterzukommen. Doch es lohnt sich auf jeden Fall!»
«Gerade in der Medienbranche braucht es manchmal viel Geduld, um weiterzukommen. Doch es lohnt sich auf jeden Fall!» Bild: Oscar Alessio/SRF
Giulia Lötscher sorgt dafür, dass auch die restliche Schweiz ausserhalb des Prättigaus in den Hörgenuss von «ünschem» Dialekt kommt. Die Schierserin ist Moderatorin aus Leidenschaft und sensibilisiert nebenbei für das Thema Diabetes. Wie es ist ein Millionenpublikum am Radio zu unterhalten, welche Herausforderungen ihre Krankheit mit sich bringt und weshalb es sie trotz Arbeitsplatz in Zürich immer wieder nach Hause zieht, lest ihr hier im Interview.

Wie bist du ursprünglich zum Moderieren gekommen?
Das war tatsächlich ein ziemlicher Umweg: Ich bin eigentlich gelernte Bauzeichnerin, habe aber nach der Lehre und nach der Berufsmatura gemerkt, dass ich eine andere Richtung einschlagen möchte. Beim «Bündner Tagblatt» konnte ich über mehrere Jahre meine ersten journalistischen Erfahrungen sammeln, danach habe ich Journalismus und Organisationskommunikation in Winterthur studiert und die Ausbildung zur Radiomoderatorin bei toxic.fm in St. Gallen absolviert.

Wann hast du für dich entschieden, dass du dies auch gerne beruflich machen möchtest?
Als ich das erste Mal in einem Radiostudio war, hat mich das völlig fasziniert. Ich konnte während meines Studiums zwei Praktika machen. Eines bei der SRF-Kindersendung Zambo und das andere bei Radio FM1. Da wurde ich sehr schnell von der Radio-Leidenschaft gepackt und wusste, dass ich das auch unbedingt machen möchte.

Wie nervös warst du beim ersten Mal live am Mikrophon?  
Sehr! Die Nacht davor habe ich kaum geschlafen und essen konnte ich den ganzen Tag nichts, so nervös war ich. Zum Glück ist es heute nicht mehr so schlimm.

Relativ früh nach der Radioschule bist du direkt beim SRF gelandet. Wie ist es dazu gekommen? Dadurch, dass ich während des Studiums schon ein Praktikum beim SRF machen konnte, haben sich einige Türen für mich geöffnet. Da ich während meiner Ausbildung weiterhin als freie Mitarbeiterin bei Zambo gearbeitet habe und hatte ich danach das Glück, zuerst eine Stellvertretung in der Redaktion machen zu können. Kurz darauf wurde eine Moderationsstelle beim Jugendsender SRF Virus frei, die ich dann bekommen habe, und auch bei Zambo konnte ich dann in einem kleinen Pensum moderieren. Mittlerweile moderiere ich hauptsächlich bei Virus und nur noch gelegentlich bei Zambo.

«Ich bin eigentlich gelernte Bauzeichnerin, habe aber nach der Lehre und nach der Berufsmatura gemerkt, dass ich eine andere Richtung einschlagen möchte.» Bild: zVg

Neben deiner Arbeit bei Virus gibst du dein Wissen bei toxic.fm ausserdem wieder an junge Talente weiter. Wie ist es für dich plötzlich auf der anderen Seite zu stehen?
Das war vor allem am Anfang schon etwas speziell. Ich kann mich selbst noch sehr gut an meine Ausbildung erinnern, sehe aber genau das als Vorteil heute. Ich kann mich gut in die Auszubildenden versetzen und weiss, wie sie sich fühlen. Es macht mir grossen Spass, sie durch diesen Prozess zu begleiten und ständig ihre Fortschritte zu sehen und hören – das macht mich dann auch selber etwas stolz.

Was ist so der beste Tipp, den du dem Nachwuchs geben kannst?
Glaub an dich und gib nicht auf! Gerade in der Medienbranche braucht es manchmal viel Geduld, um weiterzukommen. Doch es lohnt sich auf jeden Fall!

Deine Hörerzahlen im Radio sind enorm. Wie gehst du damit um?
Der Vorteil beim Radio ist, dass ich nicht direkt weiss, wie viele mir genau zuhören, weil ich kein Publikum vor mir sehe. Das macht es einfacher und ist für mich dann kaum einen Unterschied, ob es jetzt 100 oder 100‘000 sind. Etwas angespannt und nervös bin ich nach all den Jahren immer noch ein wenig. Dann versuche ich mir einfach vorzustellen, dass ich zu meinen Freundinnen und Freunden reden und ihnen etwas erzählen würde.

Neben dem Radio sieht man dich auch häufig in kurzen Videos. Wie wichtig ist es heute für junge Journalistinnen und Journalisten flexibel und wandlungsfähig zu bleiben?
Ich glaube, das ist sogar sehr wichtig. Die Medienbranche ist in einem Wandel, immer mehr findet digital und auf Social Media statt. Da muss ich als Journalistin offen sein, diese Veränderungen anzunehmen, mit ihnen zu gehen und auch mal Neues auszuprobieren. Eine Journalistin oder einen Journalisten, die oder der nur noch Radio oder nur noch Videos macht, gibt es meiner Meinung nach immer weniger. Alle müssen offener und aufgeschlossener sein, damit sie auch die verschiedenen Aufgaben angehen können.

Trotz deines Jobs in Zürich zieht es dich immer wieder nachhause zurück. Wie wichtig ist dir Graubünden als Ausgleich?
Graubünden ist meine Heimat und der Ort, der mir Ruhe und Kraft gibt. In der Stadt wird es mir schnell zu hektisch, dann brauche ich wieder die Natur und die Berge, die mich herunterholen. Gerade auch in einem Job, in dem es manchmal sehr stressig zu und her gehen kann, ist mir dieser Ausgleich sehr wichtig und brauche ich.

«Im Radiostudio bin ich mit allem ausgestattet, was ich brauche. Traubenzucker für den Notfall habe ich beispielsweise immer in Griffnähe.» Bild: zVg

Du leidest unter der Krankheit Diabetes Typ 1. Inwiefern beeinflusst dies deine Arbeit beim Radio? Zum Glück beeinflusst es mich sehr wenig in meinem Arbeitsalltag. Im Radiostudio bin ich mit allem ausgestattet, was ich brauche. Traubenzucker für den Notfall habe ich beispielsweise immer in Griffnähe. Zudem trage ich einen Glukosesensor, der regelmässig meinen Blutzucker misst und Alarm schlägt, wenn etwas nicht in Ordnung ist. So kann ich schnell reagieren und zum Traubenzucker greifen, ohne dass meine Hörerinnen und Hörer etwas mitbekommen.

Wie wichtig ist es dir, dass die Menschen deine Krankheit besser verstehen?
Es ist mir sehr wichtig, über Diabetes aufzuklären, da auch sehr viele Menschen davon betroffen sind. Ich merke immer wieder, wie wenig die Leute über die Krankheit informiert sind und die unterschiedlichen Typen von Diabetes durcheinanderbringen. Dadurch wurde ich – und werde es teilweise immer noch – mit sehr vielen Vorurteilen konfrontiert, was mich oft sehr verletzt hat. Ich bin mir sicher, dass es vielen betroffenen Leuten ähnlich geht. Da wurde mir klar, dass ich meinen Beruf als Chance nutzen kann. Als Journalistin habe ich die Möglichkeit, sehr viele Menschen zu erreichen und sehe es darum auch als meine Aufgabe, über solche Dinge wie eben Diabetes zu berichten, aufzuklären und zu sensibilisieren.

Christian Imhof