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«Verbesserungen für die Bevölkerung im Tal»

Konrad Flütsch-Gansner wird mit der ihm gewidmeten Ausstellung im St. Antönier Ortsmuseum für sein  Wirken für die Talschaft von der örtliche Kulturgruppe geehrt.
Konrad Flütsch-Gansner wird mit der ihm gewidmeten Ausstellung im St. Antönier Ortsmuseum für sein Wirken für die Talschaft von der örtliche Kulturgruppe geehrt. Bild: L. Steinmann
Es wäre sehr wahrscheinlich einfacher zu schreiben, was Konrad Flütsch-Gansner aus St. Antönien nicht gemacht hat, als darüber zu berichten, was er in und auch für die Talschaft alles bewirkt hat. Mit der aktuellen Ausstellung «Ein Leben in und für St. Antönien» im Ortsmusem ehrt die örtliche Kulturgruppe den ältesten und wohl bekanntesten St. Antönier.

Bericht über eine aussergewöhnliche Begegnung. Als ich am Mittwoch vor einer Woche das Ortsmuseum betrat, sass der 94-Jährige bereits auf einem Stuhl und sein Blick verriet mir, dass es losgehen kann. Natürlich habe ich mich vor unserem Treffen schlau darüber gemacht, mit wem ich es zu tun haben werde. Unglaublich, was dieser Mann zeit seines Lebens alles auf die Beine gestellt oder wofür er sich stark gemacht hat.

Beruflich war Konrad Flütsch-Gansner als Landwirt und Volg-Geschäftsführer tätig. Daneben bekleidete er zahlreiche politische Ämter und pflegte ein äusserst reges Vereinsleben. «In meiner Funktion als Gemeindepräsident hatte ich viel Arbeit mit der Alp-melioration. Diese umfasste die Zusammenlegung von vier Alpen sowie den Bau einer Hütte mit Sennerei und Stall im Partnun-Stafel», begann er zu erzählen. Ebenfalls arbeitsintensiv sei die Melioration für den Bau der Strassen in St. Antönien-Castels und -Rüti gewesen. Auf meine Frage, was seine Motivation für die Ausübung all der Ämter war, antwortete er ohne Umschweife: «Verbesserungen für die Bevölkerung im Tal.»

Keine Lehre

Aufgewachsen ist Konrad Flütsch, der 1927 das Licht der Welt erblickte, auf einem landwirtschaftlichen Betrieb mit einem Bruder und zwei Schwestern. Seine Schulzeit dauerte acht Jahre. Weil sein Vater im Kriegsdienst war, und er sich deswegen um seine Mutter und die jüngeren Geschwister kümmern musste, konnte er keine Lehre machen. Ausser, dass er ein guter Schüler gewesen sei und deshalb später auch all seine Ämter problemlos ausführen konnte, sagte er nicht mehr dazu und wechselte das Thema. «Unser Hof war einer der ersten mit einem Motormäher», erzählte er sogleich. «Finanziert wurde dieser von meiner Grossmutter.» Dies geschah 1949. Sein Vater hätte der Maschine misstraut, weil er anfänglich davon überzeugt gewesen sei, dass mit diesem nicht gleich sauber gemäht werden könne wie von Hand mit einer Sense.

Der einst sehr passionierte Jäger stellt selber Murmeltieröl her. Dieses altbewährte Hausmittel verschreibt er sich bei irgendwelchen «Prätschen» gern selber. Bild: P&H/Marietta Kobald

«Albig aswas gschäftet»

Als junger Mann begegnete er im Berghaus «Sulzfluh» zum ersten Mal Ursula Gansner, die dort als Serviertochter arbeitete. 1958 heirateten die beiden. Die Ehe blieb kinderlos. Zu Beginn ihrer Ehe führten sie zusammen einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb. «1960 haben wir dann gemeinsam den Volg übernommen», erzählte Flütsch, der sich über viele Jahre als Gemeindepräsident engagierte und Landammann sowie Grossrat war. «Er habe ‹albig aswas gschäftet›», gestand er verschmitzt. Der Laden sei von Jahr zu Jahr besser gelaufen. Neben Lebensmitteln und Waren des täglichen Gebrauchs hätten sie zudem alles im Angebot gehabt, was in der Landwirtschaft nötig gewesen sei – so beispielsweise auch 30 sehr gute Sensen, die er eigens im Montafon erworben und über die Grenze gebracht habe. Die Volg-Filiale hat das Ehepaar bis 1980 erfolgreich betrieben. Im Jahr 2000 ist Ursula Flütsch-Gansner gestorben.

Jagd und Schiessen

Im Gespräch mit dem vielseitig interessierten 94-Jährigen ist schnell herauszuhören, dass er ein leidenschaftlicher Jäger war. «Von 1947 bis 2012 bin ich 66 Herbste auf die Hochjagd und viele Herbste mit Dackel auf die Niederjagd gegangen», erzählte er stolz. Während dieser langen Jägerlaufbahn stand ihm sein Jagdkollege Wälti Bardill ganze 40 Jahre zur Seite. Mit ihm zusammen hatte er auch auf Plass-egga eine Jagdhütte mit Steinen gebaut.

Von seiner Leidenschaft für die Jagd zeugen an der Ausstellung im Ortsmuseum St. Antönien unter anderem zahlreiche Trophäen und einige ausgestopfte Tiere. Dort ist auch zu sehen, dass sich der Talhistoriker neben dem Jagdschiessen auch fürs Schiesswesen begeistern konnte. Dafür wurde er vor einigen Jahren sogar vom Schweizer Schiesssportverband zum Ehrenveteranen ernannt – eine Ehrung, die zuvor noch keinem Einheimischen zuteil wurde.

Bild: P&H/Marietta Kobald

Abend für Abend

Bis heute gilt Konrad Flütschs grösstes Interesse, den Menschen im Tal und dem Tal selbst. Bereits in jungen Jahren fing er an, Tagebuch zu führen. Auch heute noch notiert er laut eigener Aussage Abend für Abend wie das Wetter war, was sich Besonderes ereignet hat und wer gestorben ist. Ergänzt werden seine schriftlichen Aufzeichnungen von Fotos und Filmen, auf denen er beispielsweise Brauchtümer, Menschen bei der Arbeit, Tiere und Landschaften aber auch Lawinen-, Rüfen- und Hochwasserereignisse und ihre Folgen festgehalten hat. Einige Aufzeichnungen, Fotos und Filmaufnahmen sind ebenfalls Teil der aktuellen Ortsmuseums-Ausstellung «Ein Leben in und für St. Antönien», die bis Ende des Jahres läuft.

Wer mehr über den umtriebigen Lokalhistoriker erfahren möchte, der sollte die Ausstellung im Ortsmuseum St. Antönien besuchen. Diese ist am Mittwoch und Samstag von 13 bis 17 Uhr oder für Gruppen auf Anfrage geöffnet. An einzelnen Tagen ist Konrad Flütsch sogar persönlich vor Ort und erzählt aus seinem Leben. Von 1981 bis 2007 hat er über die Ereignisse in der Talschaft jeweils Beiträge für die Prättigauer Talchronik verfasst. Ihm verdankt die Kirchgemeinde St. Antönien auch die Festschrift zum 500-jährigen Bestehen. Ausserdem floss sein reiches Wissen in das 2012 erschienene Buch «Flurnamen Gemeinde St. Antönien» und in die im letzten Jahr erschienene Chronik «Die Walser im St. Antöniertal». Im Weiteren umfasst das Projekt AV-Medienportal Graubünden 34 Filme, die Konrad Flütsch-Gansner über seine Heimat gedreht hat. Auch diese Filme können im Verlauf der Ausstellung im Museum angeschaut werden. 

L. Steinmann