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Schiers
01.08.2021

Ein Fledermaus-Junges in Not

Die kleine Zwergfledermaus nach ihrem Fund auf der Dorfstrasse.
Die kleine Zwergfledermaus nach ihrem Fund auf der Dorfstrasse. Bild: E. Felix
In den letzten Tagen war in den Medien oft zu lesen und zu hören, dass die aktuellen Unwetter die Jungtiere von Fledermäusen in prekäre Lagen bringen. Doch, es kann auch einfach sein, dass sich ein hungriges, etwa ungeduldiges Jungtier zu nah an den Rand der Wochenstube klettert und herausfällt. Was ist zu tun, wenn ein Fledermaus-Junges gefunden wird? Ein kleiner Erlebnisbericht.

Donnerstag, 9.45 Uhr: Der Lernende Polygraf Luca Baumann kehrt vom Bäcker in die Druckerei Schiers zurück. Doch er kommt nicht allein. In seiner Hand hält er ein kleines Fledermaus-Junges, das nicht grösser als zwei Zentimeter ist, noch kein Fell hat und dessen Augen verschlossen sind. «Diese kleine Fledermaus habe ich auf dem Rückweg meiner Znüni-Tour auf der Strasse gefunden», erzählt er den staunenden Mitarbeitern der Druckerei. «Sie ist einfach dort gelegen und das war viel zu gefährlich.» Wo sie herausgefallen sei, konnte er nicht sehen. Deshalb habe er entschieden, sie in die Druckerei zu bringen.

Viel Ruhe

Allen ist klar, dass die kleine Fledermaus nicht in der Druckerei bleiben kann. So schnell wie möglich muss ein geeignetes Plätzchen, wo sie artgerecht versorgt wird, für sie gefunden werden. Während sich Luca Baumann und eine Arbeitskollegin auf die Suche nach geeignetem Material für ein Nest machen, zieht die P&H-Redaktion das Internet zu Rate. Schon bald hat sie die Telefonnummer von Miriam Lutz Mühlethaler, kantonale Fledermaus-Beauftragte Graubünden, in Rhäzüns gefunden und mit ihr Kontakt aufgenommen. «Am besten wäre es, die kleine Fledermaus wieder in der Nähe des Fledermaus-Quartiers an einer erhöhten Stelle hinzulegen, wo es dann eventuell von der Mutter abgeholt werden kann», sagt sie zu Beginn des Gesprächs. Da dies in unserem Fall nicht möglich ist, rät sie der Redaktion, die kleine Fledermaus in eine mit Haushaltspapier ausstaffierte kleine Kartonschachtel zu legen und ihr sehr viel Ruhe zu gönnen. Um die Fledermaus, aber auch sich selbst vor Krankheitserregern zu schützen, sollten diese laut Fledermaus-Fachfrau nur mit Handschuhen oder einem gut schützenden Tuch angefasst werden.

Findelkind-Aufnahme

Im Weiteren erzählt sie von Ladina Thomasin Kühne in Fläsch, die Fledermaus-Jungtiere in der P&H-Region aufnimmt und aufpäppelt, bis sie flugfähig sind. Da Miriam Lutz nicht genau weiss, ob die Primarlehrerin noch Kapazitäten frei hat, möchte sie zuerst bei ihr nachfragen. «Sonst müsse sie weitersuchen», führt die Bündner Fledermaus-Beauftragte weiter aus. Bis sich Miriam Lutz wieder bei der Redaktion meldet, versucht der Polygraf im ersten Lehrjahr, das Fledermaus-Junge mittels einer Pipette gefüllt mit Wasser zum Trinken zu bewegen, damit es nicht austrocknet.

11 Uhr: Miriam Lutz meldet sich, nach einer gefühlten Ewigkeit, wieder bei der Redaktion und sagt, dass die ehrenamtliche Fläscher Fledermaus-Quartierbetreuende noch Platz für unser Fledermaus-Junges hat. Ladina Thomasin Kühne und ihr Ehemann Jörg Kühne, beide Mitglieder der Schweizer Stiftung Fledermausschutz, beschützen und betreuen die Fledermauskolonie in der Turmzwiebel des Fläscher Gotteshauses. Schnell ist der Kontakt mit ihr aufgenommen und schon bald abgemacht, wohin in Fläsch unser Findelkind mit dem Auto gebracht werden muss. Diese Aufgabe kommt dem ehemaligen P&H-Chefredaktor Marco Schnell zuteil, der eigentlich nur mal kurz in der Druckerei Schiers Hallo sagen wollte.

Der kleine Findling in der Obhut von Ladina Thomasin in Fläsch. Bild: Ladina Thomasin

Mutter fehlt

Montag, 9 Uhr: Neugierig, wie es unserer kleinen Fledermaus wohl gehen mag, rufen wir bei der Fledermaus-Fachfrau Ladina Thomasin an. «Es tut mir leid, aber Ihre Fledermaus ist gestorben», sagt sie der Redaktion am Telefon. «Ihr Jungtier, übrigens eines von der Fledermausart Zwergfledermaus, war erst einige wenige Tage alt. Die Überlebenschance so junger Tiere ist leider sehr niedrig. Mit jedem Tag, an dem das Fledermäuschen Muttermilch bekommt, steigt die Chance zu überleben, da diese das Immunsystem stärkt.» Dazu komme, dass ihm auch die Mutter und ihre Nähe gefehlt haben könnte. «Wir können den Jungtieren Ersatzmilch, Wärme und Schutz bieten, aber die Mutter ersetzen können wir nicht», erklärt sie weiter. «Von allen Jungtieren, die bei uns abgegeben werden, können wir rund die Hälfte durchbringen.» Wichtig für eine gute Entwicklung sei, dass diese an Gewicht zulegten. Dafür werden sie, bevor sie selbst kauen können, mit Katzenaufzucht-Milch gefüttert, erzählt Ladina Thomasin. Später bekämen sie dann ausgedrückte Mehlwürmer zu essen. Grössere Arten müssten lernen, die in einer kleinen Schale angebotenen Mehlwürmer selbstständig zu fressen.

In einem Flugzelt, das aussieht wie ein normales Zelt mit Moskitonetz-Wänden, dürfen die jungen Fledermäuse ihre ersten Flugversuche starten und herumflattern. Wenn sie genug Gewicht haben, werden sie von der Fledermaus-Fachfrau wieder frei gelassen. «Ausgewildert werden die Fledermäuse jeweils dort, wo ihre Artgenossen zuhause sind und sie schnell Anschluss finden», betont Ladina Thomasin.

Bei Fragen und in Notfällen können folgende Kontakte genutzt werden:

Fledermauskolonie Fläsch
Ladina Thomasin Kühne und Jörg Kühne, Fläsch
Tel. 081 302 36 63 oder 078 761 73 76
Thomasin@gmx.net

Amt für Natur und Umwelt Graubünden
Fledermausschutz-Beauftragte Miriam Lutz Mühlethaler
Tel. 081 921 30 00 oder 079 388 52 81
muschnas@bluewin.ch

Stiftung zum Schutz der Fledermäuse
c/o Zoo Zürich
Notfall-Telefon: 079 330 60 60
Allgemeine Auskünfte: 044 254 26 80
www.fledermausschutz.ch

L. Steinmann