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Klosters - Saas i.P. - Serneus
24.07.2021
23.07.2021 15:53 Uhr

Schon wieder: Wolf reisst sieben Lämmer

In der P&H-Region sind in den letzten Wochen mindestens 31 Schafe oder Lämmer vom Wolf gerissen worden. Abschüsse sind in Prüfung. Der neuste Fall  im Schlappintal erfolgte in einer geschützten Herde.
In der P&H-Region sind in den letzten Wochen mindestens 31 Schafe oder Lämmer vom Wolf gerissen worden. Abschüsse sind in Prüfung. Der neuste Fall im Schlappintal erfolgte in einer geschützten Herde. Bild: zVg
Im Schlappin bei Klosters sind am Dienstag sieben Lämmer von einem Wolf gerissen worden – diesmal trotz Herdenschutzhunden und –Massnahmen. Bereits vor drei Wochen waren auf Gemeindegebiet von Klosters 17 Lämmer gerissen worden. Auch im Raum Seewis wurden in den letzten Tagen und Wochen 14 Schafe oder Lämmer gerissen.

In Klosters sind im laufenden Monat Juli bislang mindestens 24 Schafe oder Lämmer dem Wolf zum Opfer gefallen – Anfang Monat in den Klosterser Alpen, diesmal im Schlappin auf der Börter-Alp. Nach dem ersten Zwischenfall hatte der verantwortliche Hirte seine rund 700 Schafe nach nur einer Woche Alpzeit zurück ins Tal geholt. «Eine Trotzreaktion des Schäfers», liess David Gerke von Wolf Schweiz damals gegenüber den Medien verlauten – eine Aussage, die den verantwortlichen Alpmeister Roman Marugg aus Klosters zur Weissglut bringt: «Herr Gerke soll einmal in besagtes Gebiet kommen und sich die Situation vor Ort anschauen, bevor er solche Unterstellungen verkündet», ärgert er sich gegenüber dem P&H. «Der Aufwand für Zäune und Herdenschutz ist im besagten Gebiet (Fergen) topografisch und logistisch riesig und vor allem nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen. Zudem haben die tangierten Bauern noch andere Aufgaben, als sich praktisch Tag und Nacht um den Herdenschutz zu kümmern.»

Risse trotz Herdenschutz

Dass Schafe trotz Herdenschutz gerissen werden, ist – auch in der P&H-Region – keine Ausnahme mehr: Der neuste Fall vom vergangenen Dienstag auf der Börter-Alp im Schlappintal zeigt, dass sogar vier Herdenschutzhunde und Teilzäunungen keinen garantierten Schutz vor Wolfsübergriffen gewährleisten können. Für Marugg ein Argument mehr, dass die Entnahme von Problemwölfen schneller und effizienter möglich sein muss, als dies mit den heutigen Regelungen der Fall ist. «Mit der aktuellen Bürokratie und Gesetzgebung hinken wir den aktuellen Fällen immer Tage oder Wochen hinterher oder können diese gar nicht erst lösen. Die Folge ist, dass immer mehr Bauern und Hirten ihren Job oder ihr Hobby an den Nagel hängen, die Alpen und Maiensässe verganden und die – an vorderster Front von den Tierschützern – gepriesene Biodiversität abhanden kommt.»

Touristischer Aspekt

Nicht unerwähnt bleiben darf laut Marugg auch der touristische Aspekt. Selbst wenn Herdenschutzhunde für Menschen ungefährlich seien, schränke deren Anwesenheit und Bellen die Bewegungsfreiheit und das Sicherheitsgefühl der Wanderer und Biker erheblich ein. Insbesondere für Wanderer mit Hunden sei das Passieren einer Alp mit Herdenschutzhunden äusserst unangenehm und vielleicht auch nicht ganz ungefährlich – zumindest für den Hund.

Der Wolf breitet sich auch im Prättigau aus. Mögliche Rudelbildungen dürften in den nächsten Wochen bekannt werden. Bild: zVg

Noch kein Abschuss

Stefan Rauch, zuständiger Wildhüter in Klosters und Wildhüter Jagdbezirk XI in spe, bestätigt auf Anfrage den neusten Zwischenfall im Schlappin. Ob es sich um den gleichen Wolf (M 184) wie in den Klosterser Alpen handle, werde nun abgeklärt. Es könne durchaus auch sein, dass sich zwei bis drei Wölfe im Gebiet aufhalten würden; nachgewiesen seien diese jedoch (noch) nicht. Ein Abschuss des betreffenden Wolfes sei erst nach dem Reissen von zehn Tieren möglich. Da die ersten 17 Tiere Anfang Juli nicht geschützt gewesen seien, zähle erst der neuerliche Fall im Schlappin mit sieben Tieren.

Fragwürdiger Tierschutz

Für Marugg ist diese Regelung – wie erwähnt – ein Affront gegen alle Bauern und Hirten. Es sei zudem davon auszugehen – oder fast sicher – dass aus der grossen Herde auf dem weitläufigen Gebiet noch mehr Tiere gerissen worden seien, sich erfahrungsgemäss aber verletzt in ein Versteck zurückgezogen hätten. Mühe hat er auch mit den Tierschützern, die sich wegen jeder Fliege wehren und bei den getöteten oder lebendig angefressenen Schafen einfach wegschauen. Es sei jedenfalls kein schönes Bild und schmerze sehr, mit einem Anhänger voll zerfetzter Schafe in die Kadaverstelle fahren zu müssen, sagte er dazu.

Folgen bald Abschüsse?

Gleich mehrere Angriffe hat es in den letzten Tagen und Wochen auch im Gebiet der Seewiser Alpen gegeben. Dort wurden insgesamt 14 Schafe vom Wolf gerissen, wie Arno Puorger, Grossraubwildverantwortlicher beim Amt für Jagd und Fischerei Graubünden, auf Anfrage bestätigt. Damit ist oder wäre das Kontingent für einen Abschuss erfüllt. Ganz so einfach ist diese Milchbüchlirechnung allerdings nicht: «Das Thema ist sehr heikel. Bevor ein Abschuss erfolgen kann, muss die Rechtsgrundlage genaustens geklärt werden, so Pourger. Dazu gehöre unter anderem die Prüfung der Herdenschutzmassnahmen sowie die genaue Identifizierung beziehungsweise Zuordnung des entsprechenden Wolfes. Momentan hätten die Rissfolgen im entsprechenden Gebiet nach neuerlichen Massnahmen und starker menschlicher Präsenz aber aufgehört oder seien zumindest unterbrochen worden. Das gleiche Vorgehen mit der Abklärung der Rechtsgrundlage für einen allfälligen Abschuss wird laut Puorger auch in Klosters folgen, sofern dort weitere Risse in geschützten Herden zu verzeichnen seien.

M. Schnell