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Malans
16.06.2021
31.05.2021 11:51 Uhr

Nikolaus Schmid «Ich hatte grosses Glück.»

Nikolaus Schmid arbeitet aktuell in einer Dramatisierung von Philipp Gurts Kriminlaroman «Chur 1947».
Nikolaus Schmid arbeitet aktuell in einer Dramatisierung von Philipp Gurts Kriminlaroman «Chur 1947». Bild: Petite Machine
Die Bühne ist sein zweites Zuhause und sein Können als Schauspieler hat ihn schon weit über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt gemacht: Die Rede ist vom Malanser Schauspieler Nikolaus Schmid. Wie er zu seiner Berufung gefunden hat, welche Wichtigkeit die Bündner Herrschaft als Rückzugsort für ihn hat, wie es ist in einer grossen Dailysoap mitzuspielen und vieles mehr, könnt ihr hier nachlesen.

Wie hast du ursprünglich zu der Schauspielerei gefunden?
Ich habe schon recht früh mit der Schauspielerei begonnen. Angefangen hat es mit Schülertheater in der Primarschule Versam. Klassisch mit dem Krippenspiel. Nikolaus als Josef. Das war der erste «grosse» Auftritt. Ich kann mich gut an meine Nervosität erinnern und an den Kick, den mir das gab. Da spürte ich zum ersten Mal die Magie der Bühne. Weitere Erfahrungen kamen in der Sekundarschule in Valendas. Dort wurde im Turnus von zwei Jahren jeweils ein Stück erarbeitet und in der Turnhalle aufgeführt. Im ersten Jahr spielte ich und im dritten übernahm ich die Regie. Mit viel Unterstützung meines Lehrers, der auch mein Vater war. Mit dem Umzug nach Chur kamen erste Berührungen mit professionellem Theater. Ich durfte als Kleindarsteller (so haben wir das genannt) bei der Gruppe In Situ unter Wolfram Frank in diversen Produktionen mitwirken und mit jeder Produktion gab es ein bisschen mehr Text für mich. Ich besuchte damals das Lehrerseminar und spielte bei den Broncos Football. Parallel dazu die Theaterproben. Irgendwann gab es keine freien Abende mehr. Training, Proben oder Lernen (das am wenigsten). So musste ich mich entscheiden: American Football oder Swiss Theatre. Ich habe mich für zweites entschieden.

Wann hast du dich dazu entschieden, voll auf diese Karte zu setzen?
Das war 2001. Die Freilichtspiele Chur produzierten zu Ihrem 2o Jahre Jubiläum Shakespeares «Romeo & Julia». Bei den Freilichtspielen steht die Zusammenarbeit von Profi-Schauspielern und Amateuren im Vordergrund. Viele haben dort Blut geleckt und nachher mit Ausbildungen begonnen. Mir ging es auch so. Der Regisseur Jean Grädel machte Workshops um das Stück vorzustellen und jeder durfte sagen, welche Rolle einem die Liebste wäre. Ich traute mich nicht zu sagen, welche mich am meisten reizte, denn ich dachte, es wäre vermessen, sich für eine so grosse Rolle zu bewerben. So sprach ich mit einer anderen vor. Nach dem Workshop nahm mich Jean beiseite und teilte mir mit, dass er mir die Rolle des Mercutio geben wolle. Ich müsse mir einfach bewusst sein, dass sie anspruchsvoll sei und ich in diesem Sommer immer zur Verfügung für Proben stehen müsse. Mercutio? Echt? Das war genau DIE Rolle, die ich eigentlich wollte. Die beste Rolle im Stück. Natürlich sagte ich schneller ja, als ich denken konnte. Und ich verbrachte einen fantastischen Sommer mit all den Profis um mich, mit Proben, diskutieren, feiern, spielen. Und da wusste ich: Das will ich auch. Ich will Schauspieler werden. Da war ich bereits 25 und so war Eile geboten, denn 25 war die obere Altersgrenze für die staatlichen Schauspielschulen. Ich kündigte meine Stelle als Primarlehrer in Felsberg und machte Aufnahmeprüfungen. In Bern hat es geklappt und so fing ich mit 26 als (damals) ältester Student meine Ausbildung an.

Nikolaus Schmid war über Jahre hinweg in der RTL-Dailysoap «Alles was zählt» zu sehen. Bild: Petite Machine

Du bist auf der Bühne, aber auch häufig vor der Kamera tätig. Was machst du lieber?
Oh, beides ist grossartig. Auf der Bühne hast du das Live-Moment, was ab und an unbezahlbar ist. Menschen direkt berühren zu können, gibt mir sehr viel. Diese Atmosphäre, die Dunkelheit am Anfang... und dann tauchst du in diese einzigartige Welt des Theaters ein. Das ist schon immer wieder ein Kick. Adrenalineinschuss, Nervosität und der Umgang damit, die Nähe zum Publikum, das Vertrauen auf die Kolleginnen und Kollegen, das Team, das Gefühl, gemeinsam etwas zu tun, das nur gerade in diesem einen Moment möglich ist und nie mehr genau so sein wird und das - wissend, dass es eben eine flüchtige Kunstform ist -  zu geniessen... Das sind Dinge, die mich antreiben.

Bei der Arbeit vor der Kamera hast du das meiste von oben Beschriebenem auch, aber halt anders. Was mich beim Drehen immer fasziniert ist dieser unglaubliche Fokus, den es braucht. Diese Hyperkonzentration auf den Moment. Das Ausblenden von allem anderen. Es gibt nur die Szenenpartnerin / den Szenenpartner und dich. Natürlich ist die enge Zusammenarbeit mit allen auf dem Set wichtig. Aber in der Zeit, in der die Kamera läuft wird das wuselige Set plötzlich ganz still und alles konzentriert sich auf die Szene. Diese Energie ist unbeschreiblich.

Wegen Corona stand deine Branche lange Zeit still. Was hast du während der Zeit ohne Drehs und Veranstaltungen so getrieben?
Ich hatte grosses Glück. Es ergaben sich einige Sprecherjobs, die mir sehr halfen, der Situation entspannt entgegen zu treten. Ich arbeite auch im Leitungsteam der Postremise in Chur und da gab es viel zu tun und wir konnten die Zeit gut nutzen. Auch in meiner kulturpolitischen Aktivität ging die Arbeit nicht aus. Und natürlich habe ich diese Entschleunigung, die die Pandemie uns brachte, tatsächlich sehr genossen und viel Zeit mit meiner Familie verbracht. Und dann habe ich noch für den Malanser Gemeindevorstand kandidiert. Zur Wahl hat es nicht gereicht, aber das macht nichts. Langweilig wird es mir sicher nicht.

Ist inzwischen wieder etwas Normalität in Sicht?
Ja, langsam geht es wieder in die Richtung. Aber sofort stellt sich die Frage: Was ist denn Normalität? Wollen wir denn wieder genau dorthin zurück, wo wir vor Corona waren? Was nehmen wir mit? Was lernen wir daraus?

Du warst als Antonio Santos alias Rafael Suarez in der RTL-Dailysoap «Alles was zählt» tätig. Inwiefern hat diese Rolle dir Türen geöffnet?
Es gab im Anschluss an meine Zeit bei AWZ viele Castings für ähnliche Formate und auch für einige Rollen ausserhalb dieses Bereichs. Sicher hat es mir einen gewissen Bekanntheitsgrad verschafft. Den grossen Durchbruch hat es mir nicht beschert. Aber das ist auch nicht so wichtig. Ich habe die Rolle immer dankbar als Ausflug betrachtet.

Was konntest du von dieser Produktion alles mitnehmen für deine Tätigkeit?
Vieles. Ich habe gelernt, besser mit Druck umzugehen, schauspielerisch schnelle Entscheidungen zu treffen und auch erkannt, dass die Freude an der Arbeit und positive Energie der Schlüssel sind. Am ersten Drehtag war ich sehr aufgeregt. Es stand als erstes eine emotionale Szene mit der einen Hauptfigur auf dem Drehplan. Um mich von meiner Nervosität abzulenken, habe ich begonnen, mir alle Namen des Teams auf dem Set zu merken. Das hat meinen Fokus verlangt und ich hatte keine Zeit mehr, mir Gedanken zu machen, ob ich denn gut genug sei et cetera. Es hat funktioniert. Am Ende des ersten Drehtags konnte ich alle 40 Leute auf und um das Set per Handschlag und mit Namen verabschieden. Das hatte einen schönen Effekt. Es zeigte Wertschätzung und hat mir einen soliden Grundstein für eine fruchtbare Zusammenarbeit gelegt. Diese «Technik» habe ich beibehalten.

Wie schwierig ist es nach einer Dailysoap an ähnlich grosse Projekte ranzukommen?
Das ist schwer zu beantworten. Es gibt sehr viele Faktoren und Stationen, bis man wirklich vor der Kamera steht. Glück gehört dazu, Wille und Enthusiasmus. Und dann müssen die Termine noch passen.

«Mir traten Tränen in die Augen, vor Dankbarkeit, dass ich all das erlebe und hier in dieser Schönheit und Ruhe leben darf.»
Nikolaus Schmid

Das Film- und TV-Business ist ein ziemlich stressig. Wie wichtig ist dir Malans als Ausgleichs- und Rückzugsort?
Ich hatte einmal während einer intensiven Drehphase ein, zwei Tage frei. Ich drehte bis am frühen Abend ins Köln und sass nach der Reise gegen Mitternacht in einer lauen Sommernacht auf dem Balkon in Malans mit einem Glas Pinot Noir vom Nachbarwinzer. Sterne am Himmel. Ein grosser Kontrast zum Gewusel auf dem Set, mit all seinen (liebenswerten) Sternchen und Mindsets. Mir traten Tränen in die Augen, vor Dankbarkeit, dass ich all das erlebe und hier in dieser Schönheit und Ruhe leben darf.

An welchen Projekten arbeitest du momentan?
Im Juli feiern wir Premiere mit einer Dramatisierung von Philipp Gurts Kriminlaroman «Chur 1947» auf dem Churer Quaderplatz. Ich werde die Hauptfigur Walter Caminada spielen, worauf ich mich sehr freue. Dann geht es weiter mit einer Produktion in der Klibühni in Chur. Dann arbeite ich an einem Musik-Projekt und werde im Dezember in der Postremise in einem Musical zu sehen sein. Ob ich wieder drehen werde in nächster Zeit, ist noch offen. Schön wäre es allemal.

Mehr Informationen zu Nikolaus Schmid findet ihr unter www.nikolaus-schmid.ch

Christian Imhof