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Seewis
18.06.2021

Mohammed und ein Brot für eine Narzisse

In Seewis blühen wieder die Narzissen.
In Seewis blühen wieder die Narzissen. Bild: E. Walser
Da der Frühling dieses Jahr in den Höhenlagen erst Anfang Juni eingesetzt hat, stehen die Narzissenfelder in den Seewiser Maiensässen oberhalb von 1500 Meter über Meer erst seit zwei Wochen in voller Blüte. Dabei handelt es sich um die Weisse Narzisse (Narcissus poeticus). Wir Seewiser nennen sie «Geissblüemli». Die Blütenpracht ist in diesen Höhenlagen einmalig. Das wurde mir bei einem Rundgang zusammen mit meiner Frau auf dem Maiensäss Gilieila vor gut einer Woche bewusst. Wir waren von der Narzissenpracht nicht nur begeistert, sondern auch betroffen.

Betroffen wohl auch deshalb, weil für uns Einheimische die Narzissenwiesen bislang eine Selbstverständlichkeit sind. Diese Betroffenheit dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, dass mir bei diesem Anblick ganz spontan Paul Gerhardts Lied «Geh aus mein Herz und suche Freud» in den Sinn gekommen ist. Dazu noch so viel: Zu meiner Schulzeit war es eine Selbstverständlichkeit, dass wir dieses Lied im Religionsunterricht sangen!

Die Seewiser Narzissenfelder umfassen eine Fläche von rund 250 Hektaren. Dieses Ausmass ist nicht nur im Kanton, sondern auch in der Deutschschweiz einmalig. Warum es die aus dem Mittelmeerraum stammende Blume, die bereits in der antiken Sagenwelt in Erscheinung getreten ist, ausgerechnet nach Seewis im Prättigau verschlagen hat, haben uns bislang weder die Botaniker, noch die Historiker erklären können. Beheimatet war die Narzisse ursprünglich im Orient und im Mittelmeerraum. Wie hoch sie im Orient eingeschätzt wurde, geht aus einem Ausspruch hervor, der dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird: «Wer zwei Brote hat, verkaufe eines und kaufe sich dafür Narzissenblüten.»

Ihren Namen hat die Narzisse von einem ebenso schönen wie selbstverliebten Jüngling namens Narziss. Der Sage nach soll er sich eines Tages an einen See gesetzt haben, um sich seines Spiegelbildes zu erfreuen. Daraufhin soll durch göttliche Fügung ein Blatt ins Wasser gefallen sein und so durch die erzeugten Wellen sein Spiegelbild getrübt haben. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, soll er dann kurzerhand gestorben sein. Nach seinem Tode wurde er in eine Narzisse verwandelt. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Da der Ortsnamen Seewis romanischen Ursprungs ist und mit einer Wiese am See nichts zu tun hat, steht eindeutig fest, dass Narziss kein Seewiser war. Deshalb tun wir gut daran, wenn wir uns Christen auf Mohammed beziehen.

E. Walser