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Im Kampf für die Regionalität

Bauernverbandspräsident Thomas Roffler kämpft für die Landwirtschaft und gegen die beiden  Agrarinitiativen.
Bauernverbandspräsident Thomas Roffler kämpft für die Landwirtschaft und gegen die beiden Agrarinitiativen. Bild: C. Imhof
Am 13. Juni stimmt die Schweiz ab. Neben der CO2-Initiative, der Abstimmung zum Covid-19-Gesetz und dem Bundesgesetz über polizeiliche Massnahmen zur Bekämpfung von Terrorismus sind es vor allem zwei Initiativen, die aktuell im ländlichen Gebiet für Aufruhr sorgen: Volksinitiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung sowie die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide». Die beiden Agrarinitiativen stellen den Alltag des kantonalen Bauernverbandspräsidenten Thomas Roffler aktuell ziemlich auf den Kopf. Wir haben ihn besucht.

Thomas Roffler lebt an einem idyllischen Ort. Umgeben von Wald und Wiesen steht sein Bauernhof, sein Haus und die zwei Ställe in Überlandquart. Kühe grasen vor seinem Bauernhaus und irgendwie fühlt es sich hier fast ein wenig so an, dass Mensch, Tier und Natur zusammengehören. «Ich arbeite um die 50 Prozent als ­Bauer. In der anderen Zeit bin ich für den Schweizer und Bündner Bauernverband und die Gemeinde Grüsch unterwegs und helfe, wo ich kann», sagt Roffler, während er seinen Kaffee trinkt. «Der administrative Aufwand hat bei uns Bauern in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Das ist ein bisschen schwierig, denn wer sich für die Landwirtschaft entscheidet, sucht ja eigentlich nicht wirklich einen Bürojob.» Die Coronapandemie sei für die Bauern ein zweischneidiges Schwert gewesen. Profitiert hätten auf jeden Fall die lokalen Hofläden, auf der anderen Seite sei der Umsatz bei den Kartoffeln und beim Kalbfleisch stark zurückgegangen. Kalbfleisch und Pommes frites würden eben vor allem in Gaststätten konsumiert und als diese geschlossen wurden, sei dies auf sie zurückgefallen. Trotz diesen Hürden sei das Interesse am Beruf des Landwirts ungebrochen. Er merke, dass sich in den vergangenen Jahren auch immer mehr Lernende melden, welche selber nicht aus Bauernfamilien stammen, was ihn sehr freue. «Um unseren Nachwuchs mache ich mir keine Sorgen. Bauchweh machen mir aber die beiden radikalen Agrarinitiativen.»

Import statt regional

Es sei an der Zeit, sich klar bei den beiden Agrarinitiativen zu positionieren, sagt der Präsident des Bündner Bauerverbandes. «Die beiden Initiativen schiessen übers Ziel hinaus und sind definitiv zu radikal formuliert.» Wenn komplett auf Pestizide verzichtet werde, entstehe auch sehr viel Lebensmittelverschwendung, und das Leben der Bauern in der Region werde stark erschwert und eingeschränkt. Es sei ein offenes Geheimnis, dass auch Biobauern ihre Kulturen schützen müssen, damit die Pflanzen und die Ernte gesund bleiben. Er persönlich empfinde das als die bessere Lösung, als Waren aus dem Ausland zu importieren. In der Schweiz gebe es sehr strenge Richtlinien, bei der Pflanzen- und auch bei der Tierproduktion. Hier bei uns könne man das kontrollieren, was im Ausland sicher schwieriger sei. Ausserdem müsse man auch immer darauf achten, dass mit dem Importieren eine erhebliche Menge an fossilen Brennstoffen verbrannt werde. Das Produzieren von Produkten aus der Region sei dann bei einer Annahme der Initiativen sehr schwierig. Das Angebot würde stark zurück gehen, und auch für viele junge Bauern gebe es nach einer Annahme der Initiativen weniger Perspektiven. Roffler ist sich sicher, dass dadurch enorm viele Stellen und Lehrstellen verloren gehen werden und dies nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch allgemein in der Lebensmittelindustrie sowie den vorgelagerten Sektoren. Die Initiativen wür-
den grossen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten.

Thomas Roffler ist sich sicher, dass die Annahme der Initiativen viele Arbeitsplätze gefährdet. Bild: C. Imhof

Werte gehen verloren

«Falls diese Initiativen angenommen werden, ist es auf Grund der Futtermittelbestimmungen unmöglich, Hühner oder Schweine zu halten. Das Gesetz verbiete es dann nämlich, dass Futter angekauft werden könne, wie Roffler erklärt. «Ein Alpschwein zu halten, geht dann nicht mehr. Oder auch sonst, wenn es mal im Sommer auf der Alp schneit, darf nach Annahme der Trinkwasserinitiative kein Heu mehr verfüttert werden.» Es ist das Vertrauen in die Bauern, das der Grüscher bedroht sieht. «Während Corona haben wir uns zurückbesonnen, wie wichtig die Landwirtschaft und der Zusammenhalt für die Region ist. Diese beiden Initiativen werfen jegliche bewährten Werte über den Haufen und wollen den Leuten vorschreiben, dass die Nahrungsmittel besser im Ausland gekauft werden.»

Mit Einkauf statt Stimmzettel

Sie seien auch schon vor den Initiativen auf einem guten Weg gewesen, immer weniger Pestizide zu verwenden. Grundsätzlich sei die Landwirtschaft eine Branche, die offen für Veränderungen sei, aber diese Initiativen sind laut Roffler einfach zu radikal. Den Bauern sei es ein wichtiges Anliegen, von der Wiese bis zum Teller nachhaltig zu arbeiten, zu produzieren und die Bedürfnisse der Kundschaft zu befriedigen. «Es ist nun mal so in der Marktwirtschaft. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Wenn mehr Menschen auf vegetarische Ernährung setzen, produzieren die Bauern auch mehr vegetarische Produkte. Die Arbeit der Bauern beeinflusst man als Konsument immer noch am besten mit dem Einkauf anstatt mit Initiativen.» In Graubünden hätten die meisten Stimmenden erkannt, wie wichtig die Bauern für eine breite Palette an Produkten seien und wie viele Jobs durch solche Initiativen gefährdet seien. Doch in städtischen Gebieten werde es ein intensiver Kampf bis ganz zum Schluss. Diesen Kampf und die damit verbundene Aufklärungsarbeit nimmt Thomas Roffler gerne an, denn er ist nicht nur Bauer mit Leib und Seele, er steht auch mit viel Herzblut für «seine» Leute ein.

Bild: C. Imhof

Die Initiativen im Überblick

Die «Trinkwasser-Initiative» fordert, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen, die in ihrer Tierhaltung ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz auskommen und die nur so viele Tiere halten, wie sie mit Futtermitteln vom eigenen Betrieb (ohne Importe) ernähren können. Das Initiativkomitee argumentiert, dass dadurch Wasser und Nahrungsmittel, die frei von Arzneimitteln, antibiotikaresistenten Bakterien, Pestiziden, Nitrat und anderen Giftstoffen sind, wieder zum Standard und für die ganze Bevölkerung erschwinglich würden.

Die «Pestizid-Initiative» fordert ein Verwendungsverbot von synthetischen Pestiziden sowie ein Einfuhrverbot von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt worden sind.

C. Imhof