Home Region In-/Ausland Sport Agenda Magazin

Ein wahres Prunkstück

Flur im Obergeschoss.
Flur im Obergeschoss. Bild: zVg
Wie oft sind Sie schon von Küblis her in Richtung St. Antönien gefahren, mitten durch den Ortskern von Luzein, vorbei am Sprecherhaus? Und, haben Sie sich nicht auch schon gefragt, was hinter diesem markanten Gemäuer am Strassenrand verborgen ist – oder waren Sie sogar schon dort zu Besuch?

Ich hatte die Gelegenheit für eine Begegnung mit dem Besitzer, Jürg Stoffel, und habe sehr vieles über ihn, über dieses besondere Gebäude und seine Erbauer, aber auch sehr Spannendes über die Geschichte des Kantons, der Region und über vergangene Zeiten und die damaligen Lebensgewohnheiten erfahren.

Bis 1680 in Familienbesitz

Zunächst verriet mir Jürg Stoffel einiges über seinen Werdegang, und dass seine Wurzeln eigentlich in seiner Heimatgemeinde Avers liegen. Allerdings wuchs er in Rapperswil SG auf, wo er in der Umgebung auch eine Lehre als Feinmechaniker absolvierte. Aber seine Verbindung nach Avers und sein Interesse an der Geschichte, Kultur und den baulichen Zeitzeugen waren stets wach und so inspirierte ihn insbesondere das Buch von Christoph Simonett über die Bauernhäuser im Kanton Graubünden dazu, einen Hof in Avers zu erwerben und über Jahre hinweg sorgfältig zu restaurieren. In dieser Zeit führte Jürg Stoffel die Gemeindekanzlei in Avers, war Gemeindeschreiber und während acht Jahren auch Kreispräsident. Er gründete im Jahre 2001 den «Verein zur Erhaltung historischer Stätten im Madris», einem Seitental des Avers. Anfangs der 90er-Jahre arbeitete er dann beim kantonalen Grundbuchinspektorat und betreute dort den Bereich des bäuerlichen Bodenrechts. Nicht zuletzt auch aufgrund seiner Tätigkeiten im Avers und im Madris vertiefte er sein Wissen über Geschichte und Kultur – und als ich ihm im Luzeiner Sprecherhaus zuhörte, wie er über seine Familiengeschichte, über das Baudenkmal, in welchem wir gerade sassen, und über die verschiedenen Amtstätigkeiten der von Sprecher erzählte, da lebte diese Zeit beinahe wieder auf!

Innenhof. Bild: zVg

Natürlich wollte ich von Jürg Stoffel wissen, wie man als normaler Bürger in den Besitz einer derartigen Liegenschaft gelangt. «Eigentlich ganz einfach: Ich hörte, dass dieses Haus – welches seit seiner Erbauung um das Jahr 1680 ununterbrochen durch Mitglieder der Familie von Sprecher bewohnt wurde – verkauft werden sollte. Und da mich alte Gebäude und Zeitzeugen der Geschichte schon immer faszinierten, bat ich die Bewohnerin darum, dieses Haus besichtigen zu dürfen. Bei diesem Rundgang durch das Haus erkannte ich die grosse historische Bedeutung dieses herrschaftlichen Gebäudes und entschied mich, ein Kaufangebot zu machen. Ja, und so gelangte ich schliesslich in den Besitz dieser einmaligen Liegenschaft.»

Eine Restaurierung mit Tücken

Allerdings war es dann nicht immer einfach, die Restaurierung so durchzuführen, wie sich Jürg Stoffel dies vorgestellt hat. Die Vertreter der Denkmalpflege hatten teilweise ihre eigenen Vorstellungen und auch die vorgesehenen Veränderungen der Umgebung des Hauses hielten ihn auf Trab. So setzte er sich mit aller Kraft dafür ein, dass der Dorfbrunnen inmitten des Landsgemeindeplatzes erhalten blieb und nicht einem Strassenbauprojekt für eine Quartiererschliessung weichen musste. Aber die Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit zahlte sich aus und so ist dieses Ortsbild von nationaler Bedeutung (ISOS-Inventar) mit dem Sprecherhaus, dem Landsgemeindeplatz mit dem Brunnen und der rund 300 Jahre alten Linde sowie der etwas jüngeren Blutbuche als wertvolle historische Einheit erhalten geblieben. Nach den Familien von Salis und von Planta gehörten die von Sprecher zu den einflussreichsten Adelsfamilien im damaligen Graubünden und waren im 17. und 18. Jahrhundert das bedeutendste Geschlecht im Zehngerichtenbund. Ihre Luzeiner-Vertreter bekleideten vielfach das Amt des Landammanns im Gericht Castels-Luzein und amteten oft als Bundeslandammänner. Auch im Untertanengebiet des Veltlins versahen sie hohe und höchste Ämter.

Altes Schloss an der Küchentüre (handgeschmiedet). Bild: zVg

Zurück zur Restaurierung, diese Arbeit dauerte rund fünf Jahre und es war Jürg Stoffel ein grosses Anliegen, das Äussere des Hauses wieder in den ursprünglichen, barocken Zustand zu versetzen und die 1903 vorgenommene Renovation rückgängig zu machen. Für die Restaurierung der Fensterzonen in der Hauptfassade konnte auf eine entsprechende originale barocke Bemalung, die glücklicherweise unter dem zementhaltigen Verputz der Ostfassade zum Vorschein kam, zurückgegriffen werden. Sie diente dem Restaurator als Vorlage für die Verzierungen der Fensterzonen der Hauptfassade. Sämtliche Fassaden erhielten einen neuen reinen Kalkverputz. Im Innern des Hauses haben sich mit Ausnahme einer Stube, welche um 1880 mit einem neuen Täfer ausgekleidet wurde, alle Räume in ihrer ursprünglichen barocken Gestaltung erhalten.

Das Sprecherhaus in Luzein. Bild: zVg

Das magische Archiv

Bei all diesen Planungen und Vorhaben wurde er durch seine Familie stets getragen und unterstützt und seine Söhne legten auch ganz tüchtig Hand an, da sehr vieles in Eigenregie restauriert wurde.

Als ich Jürg Stoffel fragte, wie es sich anfühlte, als vor ziemlich genau zehn Jahren diese Restaurierung zu einem Ende kam, erklärte er mir mit einem verschmitzten Lächeln, dass man eigentlich nie ganz fertig ist. Jedenfalls ist er im Moment damit beschäftigt, das Knechtenhaus unter die Fittiche zu nehmen und darin aufzuräumen. Und schliesslich fanden wir dann doch noch Zeit, um die verschiedenen Räume des Hauses zu begehen und immer wieder kam eine neue Geschichte, ein neues Detail zum Vorschein und ich war einfach überwältigt vom immensen Wissen von Jürg Stoffel über dieses Haus, seine Erbauer und auch die damit verbundene Geschichte der Familie von Sprecher, über das Prättigau, das Walsertum und generell die geschichtlichen Zusammenhänge der damaligen Zeit. Ein ganz besonderer Moment war dann der Besuch des Archivs. In ungezählten Stunden und unter Mitwirkung von alt Staatsarchivar Dr. S. Margadant wurden tausende von Dokumenten, welche sich im Haus in verschiedensten Truhen und Behältnissen befanden, chronologisch und thematisch geordnet und katalogisiert. Einige wenige dieser Trouvaillen finden sich in einem Schaukasten, aber all die anderen Dokumente finden sich fein säuberlich geordnet in unzähligen Schachteln in den Gestellen im Archivraum.

Das sogenannte «Balkonzimmer» mit seinem reichgeschnitzten Täfer und der Kassettendecke. Bild: zVg

Kulturgut von nationaler Bedeutung

Und wie könnte es auch anders sein, im Flur vor dem Archivraum liegen bereits Bretter bereit, um ein weiteres Gestell einbauen zu können, um auch neuere Dokumente aufzubewahren.
Das Sprecherhaus in Luzein ist ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung und wurde inzwischen noch aufgewertet als A+-Objekt. Die heisst, dass es ein Kulturgut von nationaler Bedeutung ist, wobei nun zusätzlich Inventar und Archiv ebenso zum Schutzumfang gehören. Bevor wir uns dann dem Ausgang genähert haben, fragte ich Jürg Stoffel, ob ich noch ein Bild von ihm machen dürfe, um diesen Beitrag abzurunden. Und eigentlich kannte ich nach dem ausgiebigen Kennenlernen seine Antwort ja schon: Mit seiner nach aussen hin sehr zurückhaltenden und bescheidenen Art verzichtete er natürlich darauf. Aber sein feiner Schalk führte dann doch zu einer befriedigenden Aussage – wer ihn sehen möchte, der hätte ja Gelegenheit, sich für eine Besichtigung des Sprecherhauses anzumelden; und da der «Schlossherr» die Besichtigungen ja persönlich betreut, ist dem wohl nichts beizufügen. Und auf meine abschliessende Frage nach seinem Wunsch für dieses historische Gebäudes war auch seine Antwort nicht besonders überraschend: Jürg Stoffel erhofft sich, dass das Sprecherhaus als Zeitzeuge für die Nachwelt erhalten bleibt und als Kulturgut die Wertschätzung erfährt, welche es aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung für das Prättigau, den Kanton und die damalige Zeit verdient.

Besichtigungstermine in Absprache mit Jürg Stoffel, +41 79 695 92 12, sprecherhaus.luzein@gmail.com

Gruppen mit mindestens 5, maximal 10 Personen

Kosten Fr. 12.– pro Person, mit Gästekarte Fr. 10.– pro Person

Dauer: zirka 1 ¼ Stunde

Peter Müller