Von „Schreeg-, Graggä- und Bogäzüün“
Von: pl
Im Rahmen des Heinzensommers 2010 in St. Antönien wird nicht nur den Heinzen sondern auch dem sogenannten Schreeg-, Stäckä- oder Graggäzuun sowie dem Bogenzaun Raum gegeben. Thomas Bardill-Staub hat in St. Antönien beim Parkplatz neben der Kirche sowie in Gafien jeweils kurze Zaunstücke erstellt.
In den Erklärungen, die Thomas Bardill bei den neu erstellten Zäunen angebracht hat, ist zu lesen, dass Ende des 19 Jahrhunderts die damaligen drei Gemeinden Ascharina, Castels und Rüti eine Zaunlänge von 22.662 Kilometern aufwiesen. „Diese Information habe ich aus dem 272 Seiten umfassenden Buch über St. Antönien, welches Professor Dr. Schröter im Jahr 1895 herausgab“, erzählt der Panyer und fügt an, dass die 22.662 Kilometer der Eisenbahnstrecke von Landquart nach Küblis entsprechen.
Eine private Angelegenheit
Zum Zweck der Schreegzäune weiss Bardill zu erzählen: „In der Agrarsprache spricht man von intensiv und extensiv bewirtschafteten Flächen; von Weideland und Mähwiesen. Der Schrägzaun hatte die Aufgabe, diese verschiedenen Bewirtschaftungsarten voneinander zu trennen. Wer Grundeigentum besass, musste dieses vom Weideland der Heim- und Alpweiden abzäunen. Es war eine private Angelegenheit. In seltenen Fällen wurden auch Mauern erstellt. Später folgten Bretterzäune. In der Neuzeit sind es Drahtzäune mit elektrischen Impulsen.“
Aufgestellt und wieder abgelegt
Das Erstellen eines Schreegzauns sei eine sehr arbeitsintensive Angelegenheit, berichtet Bardill weiter. Früher seien allerdings deutlich mehr Personen in der Landwirtschaft tätig gewesen als heute. Und diese Personen hätten dann in der langen Winterzeit Latten und Stecken für die Zäune bereitgestellt. Die Zäune seien jeweils im Frühling erstellt und im Herbst wieder abgebrochen worden. Nötig gewesen sei dies wegen des Schneedrucks und der Lawinengefahr. „An besonders lawinenträchtigen Stellen wurde sogar eine Vertiefung gegraben, damit das Holz über den Winter am benötigten Ort blieb.“
Schönheit und Nestwärme
„Ein Schreegzaun verschlingt eine grosse Menge Holz“, erläutert Bardill weiter. „Die drei St. Antönier Gemeinden waren jedoch eher holzarm“. So sei es begreiflich, dass die direkten Antösser gegen die Nachbargemeinde Luzein nach langem Drängen das Zaunholz aus Cavadura beziehen konnten. Georg Fient bezeichnete dies so: Es konnte hin und wieder in stillen Stunden ein Tännlein für Zäune und Heinzen am Weg von Cavadura nach der Talschaft St. Antönien gefunden werden.“ Heute werden nur noch sehr wenige Schreegzäune neu erstellt. Bretter- und Elektrozäune seien eben einfacher zu gestalten“, so Bardill. Sie bräuchten weniger Holz und weniger Arbeit. Nicht unerwähnt bleiben darf nach Ansicht des Panyers, dass Schreegzäune wie die Schindeldächer auch viel Schönheit und Nestwärme in die Landschaft brachten.
Ein Quantum für jede Kuh
Neben dem Schreegzaun hat sich Thomas Bardill auch mit dem Bogenzaun – wie er in unserer Region hauptsächlich in Conters vorkam – auseinander gesetzt. „In Conters sagt man „Mä tuäd Bognä“, so Bardill. In der übrigen Schweiz sowie im Tirol sei diese Zaunart als Flechtzaun oder auch Ringzaun bekannt und früher weit verbreitet gewesen. Sei in St. Antönien die Erstellung von Schreegzäunen eine private Angelegenheit gewesen, so habe in Conters der Bogenzaun öffentlichen Charakter besessen. Nach Auskunft von Bardill besagten die Conterser Gemeindestatuten von 1951 in Art. 87: „Es ist für das erste Stück gesömmertes Vieh in der Kuhalp das nach altem Usus vorgeschriebene Quantum Zaunmaterial zu liefern. (15 Zaunlatten oder 15 Paar Zaunstecken und 70 Bögen.)“
Holzfresser mit viel Arbeit
Für die Herstellung eines Bogenzauns musste das Holz aus ortsansässigen Fichten voll im Saft sein. Bardill dazu: „Cirka 1 Meter lange dünne Äste wurden über’s Knie gedrückt und etwas gedehnt, damit die nötigen Bögen entstanden. Eine weitere Variante bestand darin, die Äste in einem Kessi im Wasser vorzuwärmen. Die Weissküferei für die vielen Holzgebinde bediente sich ebenfalls dieser Methode.“ Der Bogenzaun zeichne sich durch eine fast geschlossene, rund 1.5 Meter hohe Holzwand aus. „Auch diese Zaunart ist ein Holzfresser mit viel, viel Arbeit“, erklärt der Panyer. Der Bogenzaun sei später durch den Schreegzaun ersetzt worden. „Conters besitzt noch grosse Stücke solcher Zäune.“ Sie seien gegen den Wald von Saas, auf Plandagorz, Rasitsch, Cafall und im Rongg anzutreffen. Nicht vergessen werden dürfe auch der Alpzaun von heute mit rund 2 bis 3 Kilometer Länge.