Erinnerungen an das Hochwasser von 1910
Von: Ulrich Niggli, Grüsch
Aufzeichnungen eines Augenzeugen, dem damals 16-jährigen und späteren Lokalhistoriker Ulrich Niggli von Grüsch.
Im Juni 1910 brach über Grüsch und einigen weiteren Dörfern im Prättigau ein Unglück herein wie seit Menschgedenken noch keines dagewesen war und was man bis dahin für unmöglich gehalten hatte. Man schrieb den 13. Juni 1910. In den Bergen lag noch viel Schnee. An diesem Abend, es war Montag, setzte ein gewaltiger Regen ein, welcher drei Tage und Nächte dauerte. Es regnete bis in die höchsten Berge. Die Schneemassen lösten sich in Wasser auf, welches Rüfen mit sich reissend zu Tale stürzte. Kleine unscheinbare Seitenbächlein wuchsen zu Strömen heran. Der Tarschinisbach erreichte eine ungeheure Grösse. Er durchbrach die Schwellwand die etwa 50 Meter hinter der Strassenbrücke gebaut war. Das hinter dieser Wand sich angesammelte Geschiebe kam nun wie eine Rüfe gegen unser Grüsch. Scharf prallte es gegen das Wuhr, dort wo das Flussbett ein Kurve macht. Das Wuhr, z.Z. noch mit Blockvorbau, konnte den Druck nicht aushalten und es begann einzufallen. Dem Wuhr entlang standen grosse Bretterbeigen der Sägerei Lietha u. Cie. Viele wurden eine Beute der Wellen, aber bald wurden sie zu weiterem Unglück von der Eisenbahnbrücke wieder aufgehalten. Sie gewährten dem Wasser und der Schlammmasse nicht mehr freien Durchlass. Steine, entwurzelte Bäume und Geschiebe verstrickten sich und das Bachbett war bald aufgefüllt, stellenweise sogar höher als das umgebende Ufer. Beidseits der Brücke, doch hauptsächlich gegen Schmitten suchte sich der wütende Bach neue Wege.
In oben besagter Kurve stürzte sich das Wasser mit aller Wucht gegen den Garten und das Haus von Anna Züst, wo die Leute stark beschäftigt waren mit ausräumen. Anna hatte darin eine Handlung und es waren viele Gegenstände auszuräumen. Vieles konnte geborgen werden. Eine Katze konnte man nirgends finden, doch musste sie die Gefahr geahnt haben und hatte das Haus schon vorher verlassen. Auch die ändern Häuser dem Wuhr entlang wurden geräumt. Bei dieser Evakuierung zeigte sich recht die Aufgeregtheit der Leute und manches Stücklein passierte, das zum Lachen reizte. Warf doch Haarschneider Baumgärtner bei Rofflers Handlung eine Kiste Lampengläser vom dritten Stockwerk auf die Strasse herunter.
Der Fluss war inzwischen noch grösser, ja riesengross geworden und der Garten von Anna Züst ist verschwunden. Nun ging er auf des Haus los. Es krachte schon im Fundament als noch als letztes der Ladentisch geborgen wurde. Es krachte wieder und das ganze Haus war in den Fluten verschwunden ohne eine Spur von sich zurückzulassen. Männer standen machtlos da, Weiber und Kinder jammerten und weinten. Nun wandte sich der Fluss gegen die Wirtschaft und Bäckerei "Zur Eintracht", welche Christian Wieland einige Jahre zuvor von Hagmann gekauft hatte. Die Mauer bachseits fiel ein und riss einen Teil des Hauses mit. Gefüllte und halbvolle Weinfässer rollten auf nicht mehr Wiedersehen in den Strom.
Unmittelbar südwärts unter dem verschwundenen Haus Züst, steht das Maschinenhaus fürs EW-Lietha. Dies war seinerzeit vom Maurer Simon Wilhelm erstellt worden und er brauchte dazu gar viele Säcke Zement und erntete dadurch manchen Vorwurf von der Bauherrschaft. Doch gerade jetzt bildet das starke Gemäuer einen festen Stützpunkt für das in Gefahr stehende Dorf. Die eine Wand musste schliesslich der Übermacht des Wasser weichen. Doch hielten die übrigen Wände und Fundamente stand, trotzten und schwenkten den Strom Richtung Schmitten. Hätten die Mauern weichen müssen, so wäre die Sägerei und die umliegenden Gebäude samt Bahnhof und auch die darunter liegenden Häuser verloren gewesen. Noch aber war die Gefahr für das Dorf nicht vorüber. Fast alle Häuser im Unterdorf wurden geräumt und deren Hausrat: Betten, Kästen und Kisten füllten die Räume der Häuser im sicher scheinenden Dorfteil Gülla.
Während dieser Schreckenstagen standen die Männer Tage und Nächte hindurch tief im Wasser. Bewundernd war es wie Baumeister Josua Roffler, Niklaus Niggli und andere baumstarke Männer mit übermenschlicher Anstrengung gegen den Fluss ankämpften. Sie gönnten sich kaum die Zeit zum Essen, von Ruhe und Schlaf keine Spur. Wenn der Fluss in sein altes Bett gekämpft oder hatten sich die Fluten etwas gelegt und begab sich die Mannschaft unter Zurücklassung einer Wache nach Hause, so ertönte bald wieder der schaurige Ton des Horns und rief die Männer wieder um Böcke zu stellen, um Sandsäcke und Steine zu einem Damm zusammenzufügen. Im nächsten Augenblick war alles wieder verschwunden. Alles begann den Kampf wieder von neuem. Das Feld zwischen Grüsch und Schmitten sah bald einer Wüste gleich. Auch auf Schmittnerseite, also auf Seewisergebiet wütete der Strom grausam, darüber ich einen andern berichten lasse.
Im Burgtobel liegt nahe am Wuhr auf Grüscherseite ein gewaltiger Felsklotz, der ebenfalls als Schutz des Dorfes gute Dienste leistete. Die Macht des Wassers hat ihn aber weiter ins Flussbett gestossen und tiefer gelegt. Das Bachbett oberhalb der Strassenbrücke sandelte ebenfalls auf und der Fluss suchte den Weg über die Brücke. Nun musste das gemauerte Geländer abgebrochen werden. Bei dieser Angelegenheit kamen sich die Grüscher und Seewiser gegenseitig in die Haare. Die Seewiser wollten auf Grüscherseite abbrechen und umgekehrt. Heftige Wortwechsel entspannten sich, schliesslich wurde die obere Lehne abgebrochen und die untere blieb stehen. Die Seewiser wurden noch erbittert, weil die Fanaser, die zu Hilfe geeilt waren, auf Grüscher Seite arbeiteten. Jede Partei versuchte, das Wasser auf Gebiet der andern Gemeinde zu lenken. Wenn die Fluten sich gegen das Grüscher Dorf und Feld wälzten, sagten die Seewiser: "Jetz tuot'er wieder rächt" und umgekehrt.
Nun da das Dorf ausser momentaner Gefahr ist, möchte ich noch berichten, was die Landquart während dieser Zeit angerichtet hat. Schwere Schäden wurde den Grüschern auch durch jene Fluten zugefügt. Wäre das Wuhr früher auch bergseits bis an den Partschilskopf erstellt worden, hätte es der Landquart jedenfalls die Gewalt gebrochen. Beim Partschilserkopf schwenket die Landquart ungehindert gegen den Berg, machte dort einen grossen Bogen und konnte so fast frontal gegen das rechtsseitige Wuhr und die Schwellenen anstürmen. Die grossen Wuhrsteine rutschten in den Strom, der Damm verschwand und nun riss er ein grosses Stück Schwelliboden fort. Dann wurde er, d.h. der Strom der Landquart, auf die andere Seite geworfen, wo er ebenfalls frontal das jenseitige Wuhr zu Fall brachte. Dort wurde wieder ein grosses Stück Kulturland weggefressen von den erst im Jahre 1901 ausgegebenen Pradalösern. Aber nicht untätig sahen die Männer von Grüsch dem Treiben der Landquart zu. Man versuchte, dem Fluss Einhalt zu tun durch Einhängen von Bäumen, welche die Wucht des Wassers brechen und das Unterwühlen verhindern sollten. Am besten wären Tannen gewesen, diese waren aber auf Schwelliseite nicht erhältlich, weil unser Wald auf der andern Seite der Landquart ist und sämtliche Brücken hinüber in den Fluten die Klus passiert hatten. So half man sich in der Not mit Laub- und Obstbäumen. Auf den Schwellenen wurde mancher schöne Kirschbaum einfach umgeschnitten. (Christen Müllers Eva jammerte jahrelang nachher noch nach ihrem Kirschbaum und wurde in der Folge Christbaum Kriesimülleri genannt). Schwer zu beschaffen war auch das Bindematerial, womit diese Bäume angebunden werden sollten. Man behalf sich auch mit Leitungsdrähten, die von der elektrischen Leitung des Gublerwerks von Kloster abgeschnitten wurden.
Die einheimischen Leute wurden später abgelöst durch Militär. Die Rekrutenschule Chur, das Bataillon 91 und Genietruppen kamen zu Hilfe. In Schulzimmern, Stallungen und in Privat, überall wo ein Zimmer entbehrt werden konnte wurden Soldaten einquartiert. Gute Dienste leisteten die Sappeure durch die Erstellung der Überlandquart Brücke. Die alte Brücke war schon am Mittwoch-Morgen, den 15. Juni ein Raub des Flusses geworden und die Leute von Überlandquart und Pendla waren ganz vom Dorfe abgeschnitten und konnten zur Abwehr der Fluten nichts mittun. Diejenigen, die auf Pendla das Vieh futterten, kamen ab und zu herunter an die Stelle der weggeschwemmten Brücke, wo ebenfalls Leute vom Dorfe herkamen. Sie konnten aber dort nicht miteinander reden, weil das Tosen des Flusses alles übertönte. Man gab sich gegenseitig Nachrichten indem man Zettel an Steine anband und über den Fluss warf. Oft musste aber ein und dasselbe mehrmals geschrieben werden, bis ein wohlgelungener Wurf den Stein an das andere Ufer brachte. Ein allgemein beliebter Mann, der Hans Michel, der überhaupt nie seinen Humor verlor, erhielt so die Nachricht, sein Haus (Haus Post an der Bahnofstrasse) stehe in grosser Gefahr, es sei aber alles ausgeräumt worden, sogar die Fensterladen seien abgenommen worden. Da lachte er und meinte: "wenns'mr denn die Post nümt, so sölls di Pälga grad au noch neh."
Von den Genietruppen wurde bald eine Brücke erstellt, aber diese hielt nur einen Tag und eine Nacht und wurde von den daher schwimmenden Trümmern einer Schierser Brücke mitgenommen. Die Zweite die erstellt wurde, hat dann diese Katastrophe überdauert.